Staatliches Berufliches Schulzentrum
Waldkirchen
mit Außenstelle Grafenau
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Projekt Menschenhandel und Zwangsprostitution

Eine junge Afrikanerin in Sierra Leone. Als sie erfährt, dass ihre Tochter in Kürze beschnitten werden soll, flüchtet sie mit dem Kind ins Nachbarland. Sie findet Aufnahme in einer Niederlassung der katholischen Kirche. Während eines Gottesdienstes lernt sie einen deutschen Mann kennen, der verspricht, sie und ihre Tochter mit nach Deutschland zu nehmen. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Tatsächlich besorgt der Mann Papiere und Flugtickets. Doch in München angekommen sperrt er sie in einer Wohnung ein und vergewaltigt sie. Auch „Freunde“ dürfen sich „bedienen“. Wenigstens der Tochter wird nichts angetan, doch sie bekommt mit, was im Nachbarzimmer geschieht. Nach Wochen gelingt die Flucht. Die Frau wendet sich an die Polizei und wird an die Hilfsorganisation Solwodi (solidarity with women in distress) vermittelt. Hier finden sie und die Tochter Schutz in einer geheimen Wohngruppe mit anderen Frauen, die ähnliche Schicksale erlitten. Frau Eaglemeare, die Leiterin von Solwodi-Passau, beginnt ihren Vortrag am Beruflichen Schulzentrum Waldkirchen mit diesem beispielhaften Fall. Initiiert vom Schulpastoralteam und organisiert durch den ökumenischen Fachbereich Religion-Ethik an der Schule, werden eine Woche lang, täglich zwei Vorträge gehalten. Fast 30 Klassen aus Berufs-, Kinderpflege-, Hotelfach- und Fachoberschule nehmen daran teil.Gespannt lauschen die Schüler dem, was sie hier aus erster Hand erfahren. Es sind schockierende Fakten über das Ausmaß, das Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland angenommen hat. Deutschland ist zum „El Dorado“ für diese Form der Sklaverei in Europa geworden. Zwischen 10.000 und 30.000 Frauen werden jährlich mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und dort in Bordellen oder auf dem Straßenstrich zur Prostitution gezwungen. Ohne Papiere und ohne Kenntnis der deutschen Sprache, aber mit großen Ängsten vor Polizisten, mit denen sie in den Herkunftsländern oft schlechte Erfahrungen gemacht haben, sind sie den Zuhältern schutzlos ausgeliefert.

Doch warum ereignet sich dieser Skandal gerade in Deutschland? Auch hierauf antwortet Frau Eaglemeare in ihrem Vortag. Bis 2002 galt Prostitution vor dem Gesetz als sittenwidrig. Die Polizei hatte eine Handhabe in Bordelle zu gehen um Kontrollen durchzuführen. Auch waren regelmäßige Gesundheitskontrollen vorgeschrieben. Nach der Liberalisierung des Gesetzes, die eigentlich die Prostituierten aus der Illegalität herausholen sollte, fielen diese Vorschriften weg. „Ein Bordell hat heute weniger Auflagen als eine Würstlbude“, bringt Frau Eaglemeare es auf den Punkt. Das Gesetz schützt nunmehr Bordellbesitzer und Zuhälter. Was wäre also die Lösung, fragen sich viele der schockierten Zuhörer. In Schweden und mittlerweile auch in Frankreich, ist Prostitution verboten worden. In Folge dessen sank die Zahl der Prostituierten um 50 %. Außerdem wurde das Image des „Freiers“ in den Blick genommen. Gilt es in Deutschland doch eher als Kavaliersdelikt, wenn ein Mann ein Bordell besucht, so wird er in Schweden als Versager angesehen, der es nicht fertig bringt die Liebe einer Frau zu gewinnen. Das zeigt Wirkung. Zwar wird es dieses „Gewerbe“ wohl immer geben, doch Menschenhandel und Zwangsprostitution können entschiedener bekämpft werden.

Die Vorträge stellen mit jeweils 90 Minuten Länge und einer Fülle an Informationen die Konzentrationsfähigkeit der Schüler auf eine harte Probe. Beachtenswert ist, dass es dennoch in keiner Vortagseinheit zu Disziplinproblemen kommt, ein Indiz dafür, dass das Thema die Schüler in den Bann zieht und dass die Referentin, Frau Eaglemeare, mit den Erfahrungen aus ihrer Arbeit für die Organisation Solwodi authentisch wirkt.

So resümieren die Organisatoren, dass das Projekt Schüler wie Lehrer herausgefordert hat. Es hat zur Bewusstseinsbildung beigetragen und zum Nachdenken und Nachfragen provoziert.

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